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Rechtsstaatlichkeit im Herbst 2010
in Stuttgart
Seit einigen Monaten ist in allen Zeitungen über Stuttgart21
zu lesen. Dazu liefen Schlichtungsgespräche, die deutlich
machten, wie lange schon an dem geplanten Neubau "herumgedoktert" wird.
Dennoch, darauf wies auch Boris Palmer
von den Grünen hin, ist jegliche Berechnung von Zugfrequenzen
eine nur ungewisse Annahme unter perfekten Bedingungen. Seine Aussage: was
neu gebaut werden soll, ist sogar schlechter, als der bestehende
Bahnhof. Dabei ist eine Überarbeitung des
Bahnhofes dringend notwendig.

Weil aber viele Menschen in und um
Stuttgart erkannt haben, dass der geplante Neubau keine wirkliche
Verbesserung bringt, die Quellenlandschaft in Stuttgart
gefährdet wird, der Park zerstört wird und das ganze
dazu noch verdammt viel Geld kostet, gibt es seit vielen Monaten
regelmäßig Demonstrationen.
Sicher gibt es weitere Gründe, die ich hier aber nicht alle
auflisten kann.
Auf diesen Demonstrationen wird erzählt, wie schon wieder
versucht wurde, die Protest-Teilnehmer zu kriminalisieren. Es wird
hierbei auf vielen Ebenen mit kreativen Intrigen und Schmutzkampagnen
regelrecht gefightet. Dabei sind die Demo-Teilnehmer überaus
friedlich. Ich war nur selten dabei, aber ich erinnere mich, als ich
meinen Müll kurz aus der Hand legte damit ich meine
Hände frei hatte um mir einen Button zu kaufen, wie ich
umgehend darauf aufmerksam gemacht wurde, dass mein Müll in
eine Mülltonne gehört.
Das ganze Demo-Klientel ist gut bürgerlich aufgestellt. Wie
schwer es da sein kann, den Protest mit den Teilnehmern zu
kriminalisieren, haben inzwischen auch Heribert Rech
und Stefan Mappus
einsehen müssen. Doch an allem Schlechten gibt es auch etwas
Gutes. Bei Stuttgart21 ist es, dass den
Bürgern vorgeführt wurde, wie die Staatsmacht nicht
ganz zum Schutz der Bevölkerung, dafür aber für politische
Ziele instrumentalisiert wurde, die am 30. September 2010
statt fand:
Es wird angenommen, dass Polizisten hierzu vermummt als autonome und
gewaltbereite Demonstranten verkleidet unter die überaus
friedlichen Protestler geschleust wurden. Dort tauchten sie dann
"zufällig" vor der Polizeikamera auf und sprühten mit
Reizgas in Richtung der Polizei. Die Polizei war an jenem Tag mit Helm
und Visier ausgestattet, so dass eine Verletzung der Kollegen
ausgeschlossen werden konnte. Dementsprechend baff wird der
"Amokläufer" von den friedlichen Protestlern daneben auf dem
Clip angestarrt. So sammelte man wohl Argumente (Video-Beweise)
für den brutalen Polizei-Einsatz.
Eine Sprecherin der Stuttgarter Staatsanwaltschaft sagte hierzu, dass
es eine haltlose Vermutung sei, dass es sich bei jenem vermummten
Demonstrant um einen Polizisten gehandelt habe. Trotzdem wurde kein
Ermittlungsverfahren gegen den besagten Demonstrant eingeleitet (bsw.
wegen Vermummung, versuchter Körperverletzung oder Widerstand
gegen die Staatsgewalt). Es hätte aber echt saublöd
ausgeschaut, wenn die Polizei nach langer Ermittlung
schließlich einen Kollegen hätte in Arrest nehmen
müssen. So etwas gehört sich nicht, besonders nicht
in Stuttgart.
Dazu wurde eine angemeldete Schüler-Demo von
übereifrigen Polizisten aufgelöst ohne dass es
hierfür eine rechtliche Grundlage gegeben hätte. Eine
genehmigte Demonstration darf nämlich nicht einfach so (ohne
das Amt für öffentliche Ordnung) aufgelöst
werden. Rechtsanwalt Rolf Gutmann wirft deswegen Siegfried Stumpf
"Körperverletzung im Amt" vor. Rolf Gutmann meint dazu: War
die Auflösung der Versammlung rechtswidrig, so durften die
Demonstranten vor Ort bleiben und es war ihre Verdrängung
rechtswidrig. Der angeordnete Einsatz von Wasserwerfern und
Tränengas war damit ebenfalls unzulässig. Dieser
Einsatz verletzte die Demonstranten teilweise massiv.
Vier der schwer verletzten Opfer der Eskalation vom "schwarzen Donnerstag"
haben am Freitag dem 29. Oktober 2010 Klage eingereicht. Doch auch hier
scheint die Staatsanwaltschaft Stuttgart den Vorwürfen nicht
so recht nachgehen zu wollen. Bereits am 26. Oktober 2010 gab Amnesty International bekannt, dass
sie mit Sorge auf die schleppenden und wahrscheinlich nicht
unabhängigen Ermittlungen schaut. Vielleicht erkennt ja der
Iran, dass der Rechtsstaat in Deutschland nicht wirklich
existiert/funktioniert, und deren Streitkräfte kommen nach
Baden-Württemberg um den unterdrückten
Bürgern von Stuttgart21 zu
helfen.

Ich finde es wirklich gut,
dass das taktische Verhalten von Polizeikräften bei
Demonstrationen durch Stuttgart21 am 30.
September 2010 der bürgerlichen Mitte nahe gebracht wurde.
Diese Mitte glaubt nämlich meistens, dass alle
Gewalt (besonders auf Demos) besonders stark vom
Volke ausginge. Dass dies nicht immer so ist, ist eine
überaus wichtige Lehrstunde.
Der tiefere Sinn,
welcher sich hinter der geplanten
Eskalation befindet, hat sich mir leider noch nicht
erschlossen. Ich spekuliere mal, dass man die Leute
einschüchtern wollte, damit sie nicht weiter in solchen
Scharen gegen die führende Regierung demonstrieren gehen...
Dazu könnte man das Demonstrieren verbieten bzw. tabuisieren,
wenn die innere Sicherheit nicht gewährt werden kann, weil
Rowdies randalieren...
Mein Mitgefühl gilt allen, die in ihrem Glauben an den
Rechtsstaat ein weiteres Mal erschüttert wurden. Dabei
schließe ich auch aufgeweckte/aufgewachte
Polizeikräfte mit ein, derer es ja auch einige gibt.
Die Grundrechte zu kennen ist heute wieder wichtig: "Alle Menschen sind
vor dem Gesetz gleich." "Niemand darf wegen seines Glaubens oder seiner
politischen Anschauungen bevorzugt oder benachteiligt werden." "Jeder
hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit."
Fragen, die sich ein
Untersuchungsausschuss beantworten lassen sollte:
Wie kann beim Volk der Eindruck entstehen, dass die Polizei viel zu
brutal gegen Teilnehmer einer angemeldeten Demonstration vorgegangen
ist? Wieso wurden mit dem Wasserwerfer Menschen ins Visier genommen,
wie beispielsweise friedlich im Baum sitzende Parkschützer,
die diesem hilflos ausgelieferte waren? Ist das Risiko nicht viel zu
groß, dass diese herunterfallen könnten und dabei
schweren Schaden nehmen? Wie konnten Passanten Gruppen von Polizisten
beobachten, die in 5er-Teams mit Kamera bewaffnet Demonstranten
reizten, indem sie sie schlugen oder mit Reizgas besprühten?
Ist diese fragwürdige Polizeigewalt mit dem Grundgesetz zu
vereinbaren? Darf die Polizei eine solch aktive Beweissammlung
für den späteren Einsatz durchführen? Ist es
wahr, dass Provokateure der Polizei auf Seiten der Demonstranten
eingesetzt wurden? Ist es wahr, dass sich Polizisten als Demonstrant
verkleidet unter die Demo mischte, um Krawalle auszuüben?
Wieso waren genau an jenem Tag zufällig Wasserwerfer vor Ort?
Wie konnte die Polizei ahnen, dass eine überaus friedliche
Demonstrationsreihe (es gab viele friedliche Anti-S21-Demonstrationen
zuvor) genau an diesem Tag eskalieren würde? Muss ein
Rechtsstaat (Staatsanwaltschaft Stuttgart) nicht Ermittlungen
aufnehmen, wenn eine Straftat geschieht, ganz gleich, wer die Tat
ausübt? Wieso wird beispielsweise gegen den von der Polizei
gefilmten vermummten Demonstrant kein Ermittlungsverfahren eingeleitet?
Ist die Polizei nicht zum Schutz der Bürger da (besonders bei
einer angemeldeten und genehmigten Demonstration, wie am 30.09.2010)?
Was versteht die Polizei unter "zum Schutz des Volkes"? Wieso toleriert
die Polizei im Gegensatz zu einer angemeldeten Demo eine illegale
Baumrodung?
Zitat George Orwell 1984: "In einer Welt von
universeller Täuschung ist das Aussprechen von Wahrheit ein
revolutionärer Akt."
(11/2010 Quelle: meistens taz)
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