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Die Gesundheitsreform – eine Kriegserklärung?

Brief vom 20.01.2004

ANDY BAYER   WILDENBRUCHSTRASSE 42   12435 BERLIN

Bundesministerium für Gesundheit und Soziales
Frau Ulla Schmidt
Am Propsthof 78a
53121 Bonn



Die Gesundheitsreform – eine Kriegserklärung?

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Frau Schmidt,


ich habe lange darüber gegrübelt, was wohl der Zweck der letzten Reform war, die seit 1. Januar 2004 in ganz Deutschland gültig ist. Jetzt glaube ich, habe ich die Erklärung dafür gefunden.

Für eine Krankenkasse tritt besonders dann ein wirtschaftliches Unglück auf, wenn ein Versicherter chronisch krank ist und regelmäßig ärztliche Leistungen in Anspruch nimmt. Für den Staat ist ein Sozialhilfe-Empfänger ein wirtschaftliches Unglück, weil dieser oft den Sprung zurück auf den Arbeitsmarkt nicht schafft. Für das Gesamtunternehmen Deutschland ist also genau dann das Dilemma am Größten, wenn ein Sozialhilfe-Empfänger eine chronische Krankheit hat.

Um diese Personen schnellstmöglich zu beseitigen, könnte man einen Killer engagieren, welcher diese Personen der Reihe nach abknallt. Damit wäre das Problem umgehend gelöst, doch würde dann das Ausland aufschreien und Deutschland würde, wie zu Hitlers Zeiten, etwas in Verruf geraten.

Deswegen, so glaube ich jedenfalls, sind die Versicherungen zu einer anderen Strategie übergegangen. Ein Eintrittsgeld für Ärzte und Apotheken von 10.- Euro wurde entwickelt. Damit können zumindest die ärmsten Menschen vom Arztbesuch ferngehalten werden. Denn auch wenn man als geldloser Mensch diese 10.- Euro oft zurückbekommt, muss dieses Geld zuerst einmal ausgelegt werden. Und wer dieses Geld nicht übrig hat, kann nicht zum Arzt gehen.

Wer sein Geld wieder zurückbekommt, das wird von der Krankenkasse geprüft. Dieser zusätzliche Verwaltungsaufwand bei den Krankenkassen muss bezahlt werden. Und genau deswegen wird die versprochene Entlastung seitens der Arbeitgeber aus bleiben.

Es wird noch einige Tage dauern, bis das Volk dies bemerken wird. Aber es wird deutlich werden. Deutschland entwickelt sich mit dieser Reform ein großes Stück weg vom Sozialstaat.

Als nächstes werden Sie diese Eintrittsgelder bei den Ärzten erhöhen. Wenn Sie erst einmal vom jetzigen Einführungspreis auf 100.- Euro erhöht haben, wird deutlich werden, wie gesund Deutschland tatsächlich ist. Denn dann wird nur noch die Oberschicht und obere Mittelschicht regelmäßig zum Arzt gehen. Ärmere Menschen werden nur noch in äußersten Notfällen einen Arzt aufsuchen.

Dadurch kann im Notfall, wenn eine Krankenkasse für einen armen Schlucker einspringen soll, dem armen Schlucker vorgehalten werden, er trage eine Mitschuld an seiner Krankheit. Schließlich hat er sich ja keiner Vorsorgeuntersuchung unterzogen. Und die Krankenkasse ist plötzlich in der Lage, eine Zahlung für Arztbesuch, Medikamente und Krankenhausaufenthalt abzulehnen.

Nun bin ich mir nicht sicher, welche Methode die menschlichere ist. Aber wenn es Ihnen darum geht, sozial Schwache zu beseitigen, so fände ich es aufrichtiger, wenn Sie diese Absicht offen zugeben.

Vielleicht sollten Sie einfach eine Spezialtruppe zur Beseitigung sozial Schwacher bilden. Diese könnten dann von staatlicher Seite aus die moderne Vernichtung von Armut praktizieren. Ich schlage dazu einen Namen, wie NSD (für "Neues starkes Deutschland") vor. Dieser Name kann bei Bedarf einfach in NSDAP umgewandelt werden, was bedeutet: "Neue starke Deutsche Arbeiter Partei".

In ferner Zukunft verlangt das Volk, dass bei so viel Eigenleistung die Krankenversicherung freiwillig sein muss. Wozu soll man sich auch Krankenversichern, wenn alles selbst bezahlt werden muss? Und dann ist es soweit: Die Basis für einen Bürgerkrieg ist geschaffen. Die Armen greifen zu den Waffen. Entweder weil sie dafür bezahlt werden die Reichen zu beschützen oder weil sie die Reichen ausrauben wollen.

Sie, Frau Schmidt, werden bis dahin fernab Ihre Rente beziehen. Aber die, die Ihnen vertraut haben, werden elendig grippieren. Chaos wird ausbrechen, weil die Armen ein Recht auf Leben, Medizin und ärztliche Betreuung fordern, die Reichen aber nicht freiwillig abgeben wollen. Während Sie die bürgerkriegsähnlichen Aufstände im Fernsehen sehen sagen Sie leise vor sich hin: "Wie konnte es nur soweit kommen?".

Das gesetzliche Recht wird auf Seiten der Reichen stehen. Das Militär also auch. Damit wird der aufflammende Bürgerkrieg sehr erfolgreich niedergeschlagen werden. Allerdings mit hohen Verlusten auf der Seite der Armen.

Damit komme ich zu folgendem Fazit: Es ist menschlicher, wenn Sie die sozial Schwachen gleich erschießen lassen, als wenn diese erst später von der Armee in einem Bürgerkrieg ausgelöscht werden. Dies spart sehr viel Zeit, Geld und auch Munition.


Mit freundlichen Grüßen

Andy Bayer


PS: Bitte verzeihen Sie mir mein zynisches Bild der Zukunft. Dass meine Fantasie für dieses Bild jedoch durch das Handeln einer Partei mit dem Kürzel SPD hervorgerufen wird, das erstaunt mich sehr. Es schockiert mich geradezu. Schande über mich, da ich diese Partei mit meiner grünen Stimme mehrfach unterstützt habe.


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© Andy Bayer